Emotionale Vernachlässigung wirkt sich aufs ganze Leben aus

01.09.2022

Emotionale Vernachlässigung ist eine häufige Form der Kindesmisshandlung mit schwerwiegenden Folgen im Erwachsenenalter. Doch für Fachleute ist meist schwer einschätzbar, wie emotionale Vernachlässigung frühzeitig erkannt und darauf reagiert werden kann. Die Fachtagung «Emotionale Vernachlässigung» am 26. und 27. August an der OST stellte einem Fachpublikum wissenschaftliche Erkenntnisse und Instrumente für die Praxis vor.

In ihrer Begrüssung zeigt sich Prof. Yvonne Gassmann, Leiterin des Departements Soziale Arbeit, erfreut darüber, dass das Thema auf grosse Resonanz stösst und 170 Fachpersonen zur Tagung angereist sind. «Die Veranstaltung will Sie als Fachleute darin unterstützen, die Dynamiken emotionaler Vernachlässigung zu verstehen, um eine passende Unterstützung anbieten zu können», so ihre einführenden Worte.

Das Programm eröffnet Prof. Dr. Ulrich T. Egle, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. In seinem Vortrag erklärt der Mediziner, wie sich emotionale Vernachlässigung aus neurobiologischer Sicht darstellt. Gleich zu Beginn macht er klar: «Emotionale Vernachlässigung zeigt sich neurobiologisch in anderer Form als eine körperliche Gewalterfahrung oder sexueller Missbrauch in der Kindheit. Deshalb hat sie auch andere Konsequenzen für die Behandlung.» Bei emotional vernachlässigten Kindern sei die Lernfähigkeit massiv eingeschränkt. Sie müssten mit starken kognitiven Einschränkungen leben. Als Folge zeigen sich bei Erwachsenen oftmals emotionale Störungen wie Angstsymptome oder Depressionen, Bindungsprobleme oder eine schlechtere Verarbeitung von Stress.

Eine andere Perspektive nimmt Prof. Dr. Sabine Andresen, Professorin für Sozialpädagogik und Familienforschung, ein. Anhand ihrer Forschungen zu sexuellem Kindesmissbrauch stellt sie die Perspektive Betroffener dar und identifiziert verschiedene Themen, die im Kinder- und Jugendschutz aufgegriffen und reflektiert werden sollten. «Psychische Misshandlung wird auch von Fachleuten am wenigsten wahrgenommen und ist selten die Grundlage für Kinderschutzentscheidungen», so die Erziehungswissenschaftlerin. Fürsorgliches Handeln und sichere Beziehungen sind für die seelische, körperliche und geistige Entwicklung eines Kindes zentral. Da die Signale für Kindesmissbrauch ganz unterschiedlich sein können, plädiert die Expertin dafür, im Umfeld von Kindern und Jugendlichen genau hinzusehen und Bedingungen zu schaffen, um gut reagieren zu können.

Was genau unter emotionaler Vernachlässigung zu verstehen ist, erläutert Prof. Dr. Andreas Jud von der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychologie am Universitätsklinikum Ulm: «Emotionale Vernachlässigung zeigt sich im mangelnden Interesse am Kind und in einer fehlenden emotionalen Verfügbarkeit der Eltern. Die Bezugspersonen sind nicht in der Lage, die Gefühle des Kindes zu verstehen, als Ansprechperson da zu sein und dem Kind das Gefühl zu geben, geliebt zu werden.» Auch wenn Eltern nicht entwicklungsgemäss auf das Kind reagieren, kindliche Eigenheiten und Kapazitäten wenig berücksichtigen oder ihre soziale Inklusion zu wenig fördern, seien das Vernachlässigungsformen.

Wie kann emotionale Vernachlässigung besser erkannt werden? Welche Unterstützung benötigen betroffene Kinder und Jugendliche? Diese Fragen wurden in vielfältiger Form in den Workshops diskutiert. Eine Reflexions- und Entscheidungshilfe für Fachpersonen ist beispielsweise das Instrument «heb! – hinschauen, einschätzen, begleiten». Mit Hilfe des Tools lassen sich ungünstige Entwicklungen und Kindeswohlgefährdungen früh erkennen, Risiko- und Schutzfaktoren identifizieren und die Gefährdungssituation eines Kindes bewerten.

In der abschliessenden Podiumsdiskussion weist Sabine Andresen nochmals darauf hin, dass mit dem Thema auch der Kinder- und Jugendschutz angesprochen ist. Es gilt, die Rechte von Kindern und Jugendlichen zu stärken. Dazu hat die OST verschiedene Forschungsbeiträge erarbeitet und Studien zu den Rechten von Kindern und Jugendlichen publiziert, die Themen und Handlungsfelder für Fachleute und Politik aufzeigen.

Organisiert wurde die interdisziplinäre Tagung vom Kinderschutzzentrum St.Gallen, dem Ostschweizer Kinderspital, dem Ostschweizer Forum für Psychische Gesundheit, dem Amt für Soziales Kanton St.Gallen und dem Departement für Soziale Arbeit der OST – Ostschweizer Fachhochschule.

 

Stimmen von Teilnehmenden:

«Das Thema ist für mich als Fachperson sehr wichtig. Mein Bedarf an vertieftem Wissen ist hoch, um im täglichen Arbeiten die Anzeichen emotionaler Vernachlässigung besser erkennen zu können.»

«Die Auseinandersetzung mit dem Thema erscheint mir ein erster wichtiger Schritt. Denn allzu häufig handeln Fachleute zu verhalten bei Fällen emotionaler Vernachlässigung.»

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Emotionale Vernachlässigung wirkt sich aufs ganze Leben aus

01.09.2022

Emotionale Vernachlässigung ist eine häufige Form der Kindesmisshandlung mit schwerwiegenden Folgen im Erwachsenenalter. Doch für Fachleute ist meist schwer einschätzbar, wie emotionale Vernachlässigung frühzeitig erkannt und darauf reagiert werden kann. Die Fachtagung «Emotionale Vernachlässigung» am 26. und 27. August an der OST stellte einem Fachpublikum wissenschaftliche Erkenntnisse und Instrumente für die Praxis vor.

In ihrer Begrüssung zeigt sich Prof. Yvonne Gassmann, Leiterin des Departements Soziale Arbeit, erfreut darüber, dass das Thema auf grosse Resonanz stösst und 170 Fachpersonen zur Tagung angereist sind. «Die Veranstaltung will Sie als Fachleute darin unterstützen, die Dynamiken emotionaler Vernachlässigung zu verstehen, um eine passende Unterstützung anbieten zu können», so ihre einführenden Worte.

Das Programm eröffnet Prof. Dr. Ulrich T. Egle, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. In seinem Vortrag erklärt der Mediziner, wie sich emotionale Vernachlässigung aus neurobiologischer Sicht darstellt. Gleich zu Beginn macht er klar: «Emotionale Vernachlässigung zeigt sich neurobiologisch in anderer Form als eine körperliche Gewalterfahrung oder sexueller Missbrauch in der Kindheit. Deshalb hat sie auch andere Konsequenzen für die Behandlung.» Bei emotional vernachlässigten Kindern sei die Lernfähigkeit massiv eingeschränkt. Sie müssten mit starken kognitiven Einschränkungen leben. Als Folge zeigen sich bei Erwachsenen oftmals emotionale Störungen wie Angstsymptome oder Depressionen, Bindungsprobleme oder eine schlechtere Verarbeitung von Stress.

Eine andere Perspektive nimmt Prof. Dr. Sabine Andresen, Professorin für Sozialpädagogik und Familienforschung, ein. Anhand ihrer Forschungen zu sexuellem Kindesmissbrauch stellt sie die Perspektive Betroffener dar und identifiziert verschiedene Themen, die im Kinder- und Jugendschutz aufgegriffen und reflektiert werden sollten. «Psychische Misshandlung wird auch von Fachleuten am wenigsten wahrgenommen und ist selten die Grundlage für Kinderschutzentscheidungen», so die Erziehungswissenschaftlerin. Fürsorgliches Handeln und sichere Beziehungen sind für die seelische, körperliche und geistige Entwicklung eines Kindes zentral. Da die Signale für Kindesmissbrauch ganz unterschiedlich sein können, plädiert die Expertin dafür, im Umfeld von Kindern und Jugendlichen genau hinzusehen und Bedingungen zu schaffen, um gut reagieren zu können.

Was genau unter emotionaler Vernachlässigung zu verstehen ist, erläutert Prof. Dr. Andreas Jud von der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychologie am Universitätsklinikum Ulm: «Emotionale Vernachlässigung zeigt sich im mangelnden Interesse am Kind und in einer fehlenden emotionalen Verfügbarkeit der Eltern. Die Bezugspersonen sind nicht in der Lage, die Gefühle des Kindes zu verstehen, als Ansprechperson da zu sein und dem Kind das Gefühl zu geben, geliebt zu werden.» Auch wenn Eltern nicht entwicklungsgemäss auf das Kind reagieren, kindliche Eigenheiten und Kapazitäten wenig berücksichtigen oder ihre soziale Inklusion zu wenig fördern, seien das Vernachlässigungsformen.

Wie kann emotionale Vernachlässigung besser erkannt werden? Welche Unterstützung benötigen betroffene Kinder und Jugendliche? Diese Fragen wurden in vielfältiger Form in den Workshops diskutiert. Eine Reflexions- und Entscheidungshilfe für Fachpersonen ist beispielsweise das Instrument «heb! – hinschauen, einschätzen, begleiten». Mit Hilfe des Tools lassen sich ungünstige Entwicklungen und Kindeswohlgefährdungen früh erkennen, Risiko- und Schutzfaktoren identifizieren und die Gefährdungssituation eines Kindes bewerten.

In der abschliessenden Podiumsdiskussion weist Sabine Andresen nochmals darauf hin, dass mit dem Thema auch der Kinder- und Jugendschutz angesprochen ist. Es gilt, die Rechte von Kindern und Jugendlichen zu stärken. Dazu hat die OST verschiedene Forschungsbeiträge erarbeitet und Studien zu den Rechten von Kindern und Jugendlichen publiziert, die Themen und Handlungsfelder für Fachleute und Politik aufzeigen.

Organisiert wurde die interdisziplinäre Tagung vom Kinderschutzzentrum St.Gallen, dem Ostschweizer Kinderspital, dem Ostschweizer Forum für Psychische Gesundheit, dem Amt für Soziales Kanton St.Gallen und dem Departement für Soziale Arbeit der OST – Ostschweizer Fachhochschule.

 

Stimmen von Teilnehmenden:

«Das Thema ist für mich als Fachperson sehr wichtig. Mein Bedarf an vertieftem Wissen ist hoch, um im täglichen Arbeiten die Anzeichen emotionaler Vernachlässigung besser erkennen zu können.»

«Die Auseinandersetzung mit dem Thema erscheint mir ein erster wichtiger Schritt. Denn allzu häufig handeln Fachleute zu verhalten bei Fällen emotionaler Vernachlässigung.»